Nachdem mein Schachleben in den letzten knapp 2 Jahren vor allem darin bestand, Figuren mehr oder minder ziel- und ratlos zu bewegen, irgendwann die Uhr anzuhalten und dem Gegner zu gratulieren, habe ich bei den diesjährigen Bezirksmeisterschaften ein Comeback als halbwegs ernsthafter Schachspieler gefeiert, weswegen ich Wolfgangs Bitte nach einem Bericht gerne nachgekommen bin. Dennoch war ich nicht der Tarraschler, der für das meiste Aufsehen bei diesem Turnier sorgte.
Doch
zunächst zu meinem Turnier. In Runde 1 traf ich auf Johannes Handl und
lernte ein ungewohntes Gefühl kennen: gute Stellung erreichen, keinen Fehler
mehr machen und tatsächlich eine Partie gewinnen! Gar nicht so schlecht,
so ein Sieg. Die nächste Partie dann gegen unseren Flo Walter, von dem
noch die Rede sein wird. Mit Schwarz erreichte ich schnell ein klar besseres
Endspiel, das er allerdings mit einem (aus meiner Sicht) schäbigen taktischen
Trick in ein sofortiges Remis verwandelte. In der nächsten Runde hetzte
Martin Sippl meinen weißen König nach Turmopfer über das ganze
Brett, allerdings schlugen seine Versuche, ihn endgültig zu erlegen, fehl
und ich beendete das erste Turnierdrittel mit 2,5/3.
Nun begannen die Jungs von SW Süd, sich auf mich zu stürzen. Zunächst
hatte ich noch einmal Weiß gegen Richard Saathoff - viel hatte ich mir
vorgenommen, wenig brachte ich zustande. Ein verpuffter Weißaufschlag
und ein blutleeres Remis. Dann Schwarz gegen Manfred Eiber. Nachdem ich recht
gut aus der Eröffnung kam, reagierte ich etwas ungeschickt auf seine Angriffsversuche
und fand mich in einem schwierigen Endspiel wieder, das ich allerdings nach
hartem Kampf remis halten konnte. Zur Belohnung hatte ich am Nachmittag gleich
wieder Schwarz, diesmal gegen Jürgen Stiller. Zu behaupten, dass ich in
dieser Partie unter Druck stand, wäre ein grandioser Euphemismus. Lange
Zeit fühlte ich mich wie Axel Schulz bei seinem Comeback-Versuch - doch
nachdem Jürgen einmal den Gewinn ausließ, krochen meine Figuren langsam
aus ihren sehr tief gegrabenen Löchern und konnten tatsächlich ein
Dauerschach herbeizaubern.
Nach diesen Abwehrschlachten musste ich am nächsten Morgen feststellen,
mittlerweile ein alter Mann zu sein und musste meine Ambitionen, mit Weiß
gegen Dr. Christian Leopold endlich mal wieder selbst Druck zu machen, rasch
aufgeben. Nichts rausgeholt, also Remis gemacht und ab ins Bett. Das unerbittliche
Schicksal bescherte mir dann Schwarz gegen Dimi V., gegen den mir meine wohl
beste Partie gelang. Eine eigenwillige Eröffnungsbehandlung seinerseits
(wann gibt's das schon mal bei ihm?) mündete in ein Endspiel, auf das ich
insofern stolz bin, da es jeder im Raum Anwesende für glatt remis hielt.
Ich hingegen hatte es wohl richtig eingeschätzt, gab einen Bauern, damit
mein König seinen unwiderstehlichen Bewegungsdrang voll ausleben konnte,
und konnte den Griechen damit vor unlösbare Probleme stellen.
Nach diesem Sieg hatte ich das Problem, wie ich - auf Platz 3 liegend - meine
Schlussrundenpartie gegen Wolfgang Kordts angehen sollte. Ein Sieg ließ
mir Chancen auf den Titel, bei Remis winkte Platz 3 und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit
die Bayerische, eine Niederlage hätte den Rückfall auf Platz 6-8 bedeutet.
Nachdem mir Wolfgang schnell Remis anbot, wählte ich den Spatz in der Hand
und beendete das Turnier ungeschlagen auf einem für mich erfreulichen 3.Platz.
Klar, man kann diese Entscheidung kritisieren - aber für mich war ein Erfolgserlebnis
ebenso wichtig wie die Berechtigung für die Bayerische, auf die ich mich
schon riesig freue. Vielleicht bin ich ja nächstes Jahr in ähnlicher
Situation mutiger.
Nun
aber endlich zum "eigentlichen" Helden des Turniers: Flo
Walter! (Bild rechts) Dabei sah es anfangs so aus, als sollte die Nummer
27 der Setzliste die allseits prognostizierten Probleme bekommen. In der Auftaktpartie
knetete ihn Martin Glitz ewig in einem Endspiel mit Mehrbauer, ehe ihn Flo völlig
überraschend mitten auf dem Brett mattsetzen konnte. In der 2.Runde hatte
er gegen mich auch schwere Momente zu überstehen (s.o.) und dann wurde
er von Richard Saathoff nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen.
Der Schlüssel zum weiteren Turnierverlauf kam dann in Runde 4: gegen Thomas
Ahlich brannte bei beiderseits sehr knapper Zeit das ganze Brett, sodass ein
riesiger Zuschauerpulk mitansehen konnte, wie ihn Flo in beeindruckender Manier
mattierte. Offensichtlich fand Flo Gefallen daran, zum Star des Turniers zu
werden, denn auch in der nächsten Partie gegen Karl Beck hatte er viel
Publikum. Für den Bauern, den er im Morra-Gambit opferte, erhielt er eine
aktive Figurenstellung und als sein Gegner unbedingt gewinnen wollte, wurde
er mit gezielten taktischen Schlägen sauber ausgeknockt. Das nächste
Meisterstück folgte in Runde 6 mit Weiß gegen Manfred Eiber. Dieser
konnte schnell ausgleichen und setzte Flo gehörig unter Druck. Die Art
und Weise, wie sich Flo aktiv verteidigte und schließlich ein Remis erreichte,
war mehr als sehenswert. In Runde 7 spielte er gegen Martin Sippl schnell Remis,
ehe er in der Vorschlussrunde mit Weiß auf Hans Wagner traf. Dieser hatte
offenbar nicht mitbekommen, was für eine Form Flo aufwies, denn er versuchte
ihn ohne strategische Grundlage mit Entwicklungsrückstand zu überrennen.
Dabei geriet er an den Falschen - Flo hielt den Wagner'schen König im Zentrum
fest und nahm die schwarze Stellung wunderbar auseinander. Sein Letztrundengegner
Jürgen Stiller war Flo's Vorstellung hingegen nicht entgangen - ein schnelles
Remis wurde vereinbart. Die wenigsten haben Jürgen's Entscheidung verstanden
- die Führenden im Hauptturnier hingegen schon. Flo hatte sich den Respekt
mehr als verdient! Am Ende sprang Rang 4 und ein dreistelliger(!) DWZ-Zugewinn
für ihn heraus. Sogar erste Autogramme musste unser Jung-Star geben.
Von unseren drei übrigen Teilnehmern hab ich nicht soviel mitbekommen.
Die griechische Wand Janni verpasste erneut das hochgesteckte Ziel, sein Turnier
mit 9 Remisen zu beenden. Spielverderber war Christian Kurz, gegen den er eigentlich
ordentlich stand, dann aber in einen schlimmen Königsangriff geriet. Ansonsten
war bei ihm mal mehr, mal weniger los, das Ergebnis aber stets dasselbe: Remis
und damit 4/9.
Dimi
hat nach eigenen Angaben keine einzige vernünftige Partie gespielt. So
ganz nehme ich ihm das aber nicht ab - für mich als kurz vorbeilaufenden
Kiebitz schien zumindest die Partie gegen Johannes Handl ein typischer netter
Dimi-Angriffs-Sieg gewesen zu sein. Vorbildlich, wie er in der letzten Runde
auch für meine Wertung kämpfte. Am Ende standen 4,5/9 - nicht ganz
das erhoffte Ergebnis, aber auch keine Katastrophe.
Bleibt noch "Schorsch"
Pühn, von dem ich in der Tat keine einzige Partie gesehen habe (Verzeihung!).
Aber 4,5/9 und ein DWZ-Zugewinn von 20 Punkten lassen vermuten, dass er mit
seinem Turnier sehr zufrieden sein kann. Auf jeden Fall hat er die Berechtigung
seiner Qualifikation aus dem Vorjahr nachdrücklich unter Beweis gestellt.
Unter dem Strich kann man also von einem Klasse-Turnier sprechen, das Flo und
ich mit Sicherheit in sehr guter Erinnerung behalten werden. Mal sehen, ob wir
beide im nächsten Jahr den Sieg unter uns ausmachen werden.
Michael Willim - 11.04.2007