Bericht BEM 2007

Nachdem mein Schachleben in den letzten knapp 2 Jahren vor allem darin bestand, Figuren mehr oder minder ziel- und ratlos zu bewegen, irgendwann die Uhr anzuhalten und dem Gegner zu gratulieren, habe ich bei den diesjährigen Bezirksmeisterschaften ein Comeback als halbwegs ernsthafter Schachspieler gefeiert, weswegen ich Wolfgangs Bitte nach einem Bericht gerne nachgekommen bin. Dennoch war ich nicht der Tarraschler, der für das meiste Aufsehen bei diesem Turnier sorgte.

Doch zunächst zu meinem Turnier. In Runde 1 traf ich auf Johannes Handl und lernte ein ungewohntes Gefühl kennen: gute Stellung erreichen, keinen Fehler mehr machen und tatsächlich eine Partie gewinnen! Gar nicht so schlecht, so ein Sieg. Die nächste Partie dann gegen unseren Flo Walter, von dem noch die Rede sein wird. Mit Schwarz erreichte ich schnell ein klar besseres Endspiel, das er allerdings mit einem (aus meiner Sicht) schäbigen taktischen Trick in ein sofortiges Remis verwandelte. In der nächsten Runde hetzte Martin Sippl meinen weißen König nach Turmopfer über das ganze Brett, allerdings schlugen seine Versuche, ihn endgültig zu erlegen, fehl und ich beendete das erste Turnierdrittel mit 2,5/3.
Nun begannen die Jungs von SW Süd, sich auf mich zu stürzen. Zunächst hatte ich noch einmal Weiß gegen Richard Saathoff - viel hatte ich mir vorgenommen, wenig brachte ich zustande. Ein verpuffter Weißaufschlag und ein blutleeres Remis. Dann Schwarz gegen Manfred Eiber. Nachdem ich recht gut aus der Eröffnung kam, reagierte ich etwas ungeschickt auf seine Angriffsversuche und fand mich in einem schwierigen Endspiel wieder, das ich allerdings nach hartem Kampf remis halten konnte. Zur Belohnung hatte ich am Nachmittag gleich wieder Schwarz, diesmal gegen Jürgen Stiller. Zu behaupten, dass ich in dieser Partie unter Druck stand, wäre ein grandioser Euphemismus. Lange Zeit fühlte ich mich wie Axel Schulz bei seinem Comeback-Versuch - doch nachdem Jürgen einmal den Gewinn ausließ, krochen meine Figuren langsam aus ihren sehr tief gegrabenen Löchern und konnten tatsächlich ein Dauerschach herbeizaubern.
Nach diesen Abwehrschlachten musste ich am nächsten Morgen feststellen, mittlerweile ein alter Mann zu sein und musste meine Ambitionen, mit Weiß gegen Dr. Christian Leopold endlich mal wieder selbst Druck zu machen, rasch aufgeben. Nichts rausgeholt, also Remis gemacht und ab ins Bett. Das unerbittliche Schicksal bescherte mir dann Schwarz gegen Dimi V., gegen den mir meine wohl beste Partie gelang. Eine eigenwillige Eröffnungsbehandlung seinerseits (wann gibt's das schon mal bei ihm?) mündete in ein Endspiel, auf das ich insofern stolz bin, da es jeder im Raum Anwesende für glatt remis hielt. Ich hingegen hatte es wohl richtig eingeschätzt, gab einen Bauern, damit mein König seinen unwiderstehlichen Bewegungsdrang voll ausleben konnte, und konnte den Griechen damit vor unlösbare Probleme stellen.
Nach diesem Sieg hatte ich das Problem, wie ich - auf Platz 3 liegend - meine Schlussrundenpartie gegen Wolfgang Kordts angehen sollte. Ein Sieg ließ mir Chancen auf den Titel, bei Remis winkte Platz 3 und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Bayerische, eine Niederlage hätte den Rückfall auf Platz 6-8 bedeutet. Nachdem mir Wolfgang schnell Remis anbot, wählte ich den Spatz in der Hand und beendete das Turnier ungeschlagen auf einem für mich erfreulichen 3.Platz. Klar, man kann diese Entscheidung kritisieren - aber für mich war ein Erfolgserlebnis ebenso wichtig wie die Berechtigung für die Bayerische, auf die ich mich schon riesig freue. Vielleicht bin ich ja nächstes Jahr in ähnlicher Situation mutiger.

Nun aber endlich zum "eigentlichen" Helden des Turniers: Flo Walter! (Bild rechts) Dabei sah es anfangs so aus, als sollte die Nummer 27 der Setzliste die allseits prognostizierten Probleme bekommen. In der Auftaktpartie knetete ihn Martin Glitz ewig in einem Endspiel mit Mehrbauer, ehe ihn Flo völlig überraschend mitten auf dem Brett mattsetzen konnte. In der 2.Runde hatte er gegen mich auch schwere Momente zu überstehen (s.o.) und dann wurde er von Richard Saathoff nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen.
Der Schlüssel zum weiteren Turnierverlauf kam dann in Runde 4: gegen Thomas Ahlich brannte bei beiderseits sehr knapper Zeit das ganze Brett, sodass ein riesiger Zuschauerpulk mitansehen konnte, wie ihn Flo in beeindruckender Manier mattierte. Offensichtlich fand Flo Gefallen daran, zum Star des Turniers zu werden, denn auch in der nächsten Partie gegen Karl Beck hatte er viel Publikum. Für den Bauern, den er im Morra-Gambit opferte, erhielt er eine aktive Figurenstellung und als sein Gegner unbedingt gewinnen wollte, wurde er mit gezielten taktischen Schlägen sauber ausgeknockt. Das nächste Meisterstück folgte in Runde 6 mit Weiß gegen Manfred Eiber. Dieser konnte schnell ausgleichen und setzte Flo gehörig unter Druck. Die Art und Weise, wie sich Flo aktiv verteidigte und schließlich ein Remis erreichte, war mehr als sehenswert. In Runde 7 spielte er gegen Martin Sippl schnell Remis, ehe er in der Vorschlussrunde mit Weiß auf Hans Wagner traf. Dieser hatte offenbar nicht mitbekommen, was für eine Form Flo aufwies, denn er versuchte ihn ohne strategische Grundlage mit Entwicklungsrückstand zu überrennen. Dabei geriet er an den Falschen - Flo hielt den Wagner'schen König im Zentrum fest und nahm die schwarze Stellung wunderbar auseinander. Sein Letztrundengegner Jürgen Stiller war Flo's Vorstellung hingegen nicht entgangen - ein schnelles Remis wurde vereinbart. Die wenigsten haben Jürgen's Entscheidung verstanden - die Führenden im Hauptturnier hingegen schon. Flo hatte sich den Respekt mehr als verdient! Am Ende sprang Rang 4 und ein dreistelliger(!) DWZ-Zugewinn für ihn heraus. Sogar erste Autogramme musste unser Jung-Star geben.

Von unseren drei übrigen Teilnehmern hab ich nicht soviel mitbekommen. Die griechische Wand Janni verpasste erneut das hochgesteckte Ziel, sein Turnier mit 9 Remisen zu beenden. Spielverderber war Christian Kurz, gegen den er eigentlich ordentlich stand, dann aber in einen schlimmen Königsangriff geriet. Ansonsten war bei ihm mal mehr, mal weniger los, das Ergebnis aber stets dasselbe: Remis und damit 4/9.
Dimi hat nach eigenen Angaben keine einzige vernünftige Partie gespielt. So ganz nehme ich ihm das aber nicht ab - für mich als kurz vorbeilaufenden Kiebitz schien zumindest die Partie gegen Johannes Handl ein typischer netter Dimi-Angriffs-Sieg gewesen zu sein. Vorbildlich, wie er in der letzten Runde auch für meine Wertung kämpfte. Am Ende standen 4,5/9 - nicht ganz das erhoffte Ergebnis, aber auch keine Katastrophe.
Bleibt noch "Schorsch" Pühn, von dem ich in der Tat keine einzige Partie gesehen habe (Verzeihung!). Aber 4,5/9 und ein DWZ-Zugewinn von 20 Punkten lassen vermuten, dass er mit seinem Turnier sehr zufrieden sein kann. Auf jeden Fall hat er die Berechtigung seiner Qualifikation aus dem Vorjahr nachdrücklich unter Beweis gestellt.

Unter dem Strich kann man also von einem Klasse-Turnier sprechen, das Flo und ich mit Sicherheit in sehr guter Erinnerung behalten werden. Mal sehen, ob wir beide im nächsten Jahr den Sieg unter uns ausmachen werden.

Michael Willim - 11.04.2007